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  • Wolfgang Fobo

KAUKASUS SEPTEMBER OKTOBER 2018

Aktualisiert: 27. Feb 2019

Kaukasus September/Oktober 2018

Wir waren 5 Spinnerte, welche unbedingt in die schwer zugänglichen Flecken der Erde reisen wollten. Dazu gehören die Nicht-Länder Abchasien und Süd-Ossetien, völkerrechtlich zu Georgien gehörend, aber eben nicht dazugehören wollend. Was tatkräftige russische Unterstützung möglich macht. Ausgeschrieben war diese Reise speziell für Abchasien und Südossetien, also nix wie hin, dachte ich mir. Denkste. Das russische Konsulat wollte mir nur ein Visum zur zweimaligen Einreise zugestehen, ich hätte aber 3 Einreisen gebraucht, wenn ich zwei Mal ausreise. Plan B, von Dmitry, dem russischen Reiseveranstalter, ließ mich dann anstelle nach Abchasien (welches relativ einfach zu besuchen ist) dann Dagestan, Tschetschenien und Inguschetien besuchen, um die eigentliche Reisegruppe dann in Nordossetien zu treffen, um von dort aus dann gemeinsam nach Südossetien einzureisen. Denn dieses Nichtland gehört zu den wohl am schwersten zu bereisenden Ländern, schon weil eine Einladung so gut wie nicht zu organisieren ist - Dmitry konnte das wohl.

Die anderen vier:

Jan und Kristen, ein norwegisches Paar, weitest gereist, im dritten Anlauf nach Südossetien. Jan, mit seinen 67 Jahren immer noch ein echter Althippie. Oft schweigsam, ausgewiesener Pink Floyd Fan, der für ein Konzert mit Roger Waters auch mal um die halbe Welt fliegt. Gesundheitlich gehandicapt, aber mit spitzer Zunge, wenn er - selten genug - einmal redete. Kristen redete mehr und kümmerte sich rührend um ihren Jan. 42 Jahre verheiratet, praktisch die ganze Welt gesehen, und mir wertvolle Tips gebend für meine weiteren Reisen. Wo ich eben unbedingt noch hin will und die beiden eben schon gewesen waren. Neid. Thierry, ein pensionierter Englisch Lehrer aus Frankreich, 65 Jahre alt. Ebenfalls schon überall gewesen, konnte er es nicht lassen, zu meinen Reise-Juwelen, wo ich eben schon gewesen war, seine Kommentare hinzuzufügen, ja, das kenne er schon. Und was hat der schon Gegenden besucht, da bekomme ich schwache Knie. Und will auch noch hin. Thierry mit seinem Faible für Kultur und Museen brachte uns Kulturbanausen immer wieder zu stiller Verzweiflung, ließ er es sich doch nicht nehmen, mit den Museumsführern in gelehrte Diskussionen über irgendwelche ausgestellten Artefakte einzusteigen, welche sonst kein Schwein interessierten, somit also den ganzen Betrieb aufhielt und es eben dauerte und dauerte, bis wir endlich wieder draußen waren. Und was hat der Kerl alles fotografiert! Wieviele Fotostops haben wir extra wegen ihm machen (oder erleiden) dürfen! Ansonsten war Thierry ein feiner Kerl, man konnte viel von ihm lernen, sofern man wollte.Und dann war da noch Michael, 31 Jahre alt und doch sehr körperfüllig. 2 Liter Coca Cola pro Tag waren normal. Ein Trumpianer, Waffennarr dazu, kurzum die Antipode zu Jan. Welcher dies Michael gegenüber auch deutlich machte: „America is no country for civilized people“. Was Michael zu dieser Reise bewegte, blieb uns allen verborgen, war er wegen seiner Körperfülle doch schon recht gehandicapt,schlief immer schnell ein und schieb auch sonst recht uninteressiert. Und brachte dann aus heiterem Himmel in fast unverständlichem amerikanischen Slang seine Weltsicht hervor, welche eben gerade kein Thema war. Und dass er glühender Fan von Modern Talking war und wann immer möglich zu den Shows von Thomas Anders ging, welcher in den USA warum auch immer populär zu sein schien, machte ihn mir nicht gerade sympathischer. Einzige Erklärung für seine Reisen war für uns die Tatsache, dass auch seine Eltern in solchen Ländern unterwegs waren und er es Ihnen gleich tun wollte.

Nun denn, das gab ein nettes Duo, Jan und Michael, und ich amüsierte mich immer über Jans bissige Kommentare. Kampfsportfan ist Michael auch noch, und immer wieder faselte er von einem bevorstehenden Kampf, welchen er unbedingt hier im Fernsehen sehen wolle.

Nun denn, die vier begleiteten mich nur auf der zweiten Hälfte. Anfangs war ich mit Guide und Fahrer alleine unterwegs. Zunächst mit Alex, ein eher uninteressierter junger Mann, welcher mich durch Dagestan begleitete.

Er wusste schon viel, aber im fehlte die Begeisterung. Dagestan war aber der genau richtige Einstieg in den Kaukasus - denn die Szenerie sollte sich noch steigern. Und auch Dagestan ist bereits landschaftlich umwerfend.

Die Restaurantszene im Kaukasus ist nicht gerade ausgeprägt, vor allem in der Pampa geht gar nichts. Da speist man dann privat und wird wie ein König bewirtet. Im Haus des Fahrers, oder beim Bürgermeister, wer eben bereit und willens ist, Gäste zu empfangen. Anfangs fast ohne Alkohol, weil eben der Islam das Sagen hat, in Tschetschenien sogar in strenger Auslegung. Wenn Alkohol, dann nur im einzigen 5 Sterne Hotel in Grosny, und dann vollkommen überteuert. Aber wie es scheint zeigt der eine oder andere doch Phantasie im Organisieren desselben.

Bärte. Ein richtiger Mann in Tschetschenien hat einen Bart. Mein Fahrer Mohamed gar einen langen schwarzen. Dazu schwarz gekleidet, könnte er mit richtiger Kopfbedeckung als Taliban durchgehen. Aufgetreten ist er gemeinsam mit Olga, meinem Guide in Tschetschenien und Inguschetien, welche als Kontrastprogramm im Minikleid erschien. Wie eine Hure würde sie rumlaufen, meinte Mohamed.

Was ihn aber nicht abgehalten hat, Olga zu fragen, ob sie nicht seine Zweitfrau werden wolle. Am rechten Zeigefinger trägt Mohamed einen Gebetszähler. Da kann er während dem Autofahren vor sich hin beten und sich eine gebührende Frömmigkeit nachweisen.

Sei es, er lacht auch, und für Tschetschenien macht er sicher einen guten Leibwächter für diesen Ungläubigen.

Olga ist vielsprachig, 6 Sprachen spricht sie inzwischen, und mein positiver Einfluss auf sie lässt sie jetzt die siebte Sprache, Deutsch, lernen. 28 Jahre alt, hat 1 Jahr in Spanien gelebt und bereits halb Europa bereist. Mit 2 Uni-Abschlüssen lehrt sie an der Uni Englisch.

Und weil ihr Gehalt so mager ist, bessert die es mit diesem Job auf. Ein großer Teil unserer Unterhaltung ging daher über Fremdsprachen, und haben gelegentlich mit anderen Sprachen gespielt wie mit dem Portugiesischen,

welches durch das Russisch-Bombardement vollkommen in den Hintergrund gedrückt wurde. Dies insofern, als sich mein Vokabular schlichtweg versteckte. Ja, Olga hat was drauf. Sie kann diesen Job aber eben nur in den Semesterferien ausüben.

Olga arbeitet für Dmitry, dem Eigentümer von Caucasus-Explorer, dem russischen Reisebüro, welches ich im Internet ausfindig gemacht habe. Dmitry sieht überhaupt nicht wie ein Business Man aus, eher wie ein Student im 1.Semester. Er hat Südossetien schon vor Jahren mit dem Rucksack bereist und reist mit uns entsprechend nah am Volk. Das muss man mögen, ich mags. Pläne werden nicht unbedingt eingehalten, wenn sich spontan eine Gelegenheit ergibt, auch dauert alles immer länger als gedacht. Aber irgendwie wird alles immer gut.

In Südossetien sind wir mit Dmitrys Spezln rumgefahren, in 2 Autos. Alan ist sein Hauptspezl, alle kennen ihn hier, er spricht makelloses englisches Englisch. Da könnte sich Michael mit seinem Kauderwelsch eine dicke Scheibe abschneiden. Überhaupt kam dieser Gegensatz Europa - USA immer wieder deutlich raus, und da sind mir die Russen doch näher als die Amis. Wenn alle Amerikaner so wären wie Michael, dann gute Nacht. Ich behaupte jetzt einfach einmal, der durchschnittliche Russe ist besser gebildet als der durchschnittliche Amerikaner.

Auf den Dörfern in Südossetien ist die Armut zu greifen. Will nicht wissen, wie die überleben, vor allem in den Bergdörfern. Das kann noch so romantisch und ursprünglich aussehen, aber dort leben? Brrrr.

Aber unser Hotel war gut, sauber, und hatte WiFi, unbegrenzt. Das muss ich Putin noch lassen, im Internet lässt er seinem Volk freien Lauf. Von Zensur habe ich nichts mitbekommen. Kritik an Putin kommt auch immer wieder vor, die Leute redeten wenigstens mir gegenüber frei. Da ist China meilenweit hinterher mit deren Kontrollzwang. Von allem. Auch wenn China Russland inzwischen wirtschaftlich abgehängt hat, der Große Bruder guckt doch überall zu. In Russland fühle ich mich freier als in China. Komisch. Das war auch schon ganz anders. Man muss aber nur hin und spüren wie es eben zugeht, und schon fallen die Vorurteile wie Schuppen von den Augen.

Ohne die Russen wäre Südossetien nicht überlebensfähig. Die Leute wollen einfach zum russischen Kulturkreis gehören.

Immerhin werden die Georgier auch langsam pragmatischer, es gibt einen kleinen Grenzverkehr, die Einwohner können rüber, wenn sie auf der anderen Seite Verwandtschaft haben. Auch wird fleißig geschmuggelt, was die Versorgungslage in Südossetien verbessert. Denn die Nabelschnur nach Russland ist der Roki Tunnel, 3.800 m lang. Da und nur da muss alles durch. Die Schmuggler sollen sogar einmal in den Streik gegangen sein, wegen zu strenger Kontrollen. Dann war plötzlich Knappheit angesagt, und jetzt wird wohl wieder wohlwollende kontrolliert oder gar weggesehen.

Einen sehr bizarren Auftritt hatten wir gleich am ersten Abend. Alan hatte seinen Freund zum Abendessen eingeladen, einen Urologen, und warum auch immer kam das Gespräch auf Pink Floyd zu sprechen. Ein veritables Fachsimpeln entwickelte sich zwischen diesem Urologen und Jan.

Bis Michael dazwischenfunkte und die Modern Talking ins Spiel brachte. Faust aufs Auge, ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Ach Michael, du vom andern Stern, mit der mächtigsten Armee der Welt, die aber auch nur gut im Ballern ist und beim Frieden schließen versagt. Amerika sei eine Idee, meinte Michael, und die müsse man doch der Welt mitteilen.

Anerkannt werden wollen die Südosseten auch. Wiederholt wurde mir gegenüber dieser Wunsch geäußert. Sie führen ein echtes Schattendasein am Rande der Welt. Zu Georgien wollen sie nicht gehören, Russland will sie nicht eingliedern, aber alimentieren schon.

Russische Armee ist überall zu sehen, das sind die eigentlichen Herren. Und dann waren wir in der einzigen Universität dieses kleinen Landes von vielleicht 100.000 Einwohnern.

Recht modern, neu gebaut, haben wir einen Auftritt bei einer Englischklasse gehabt. Junge Frauen, alle wollen sie eine Zukunft haben wie wir auch. Bei den Künstlern waren wir, sehr gerührt hat mich der Auftritt einer Jugendband, welche ihre Hits einübte. Wir bekamen die Beatles zu hören. Alle haben wir doch die ähnlichen Träume, wenn wir jung sind. Global einheitlich. Die zerfließen dann an der Realität, und wer Glück hat, kann sich den einen oder anderen Traum doch erfüllen.

Und die Politiker wollen Macht ausüben und spucken auf die Träume, regional mal mehr, mal weniger.

Man sieht die Hoffnung, und man ahnt die Hoffnungslosigkeit.

Manchmal schon ganz schön traurig, was die Nationalisten einem da alles antun, immer im Namen des „Volkes“. Und Sie können das, weil die meisten deren Spiel nicht durchschauen oder sich gar noch in deren Spiel einspannen lassen.

Wer kein überzeugter Europäer ist und dem „wir zuerst“ anhängt, sollte sich einmal solche Gegenden anschauen. Ich glaube, wir vier Europäer haben da einmal mehr bestätigt bekommen, wie gut das ist, wenn man sich zusammentun kann.

Die Rückreise führte mich dann über Moskau, 36 Stunden im Schlafwagen erster Klasse.

Gegessen hatte ich immer im Speisewagen. Dort war ich regelmäßig der einzige Gast. Die Russen können sich wohl die Preise dort nicht leisten.

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