• Wolfgang Fobo

Bosnischer Dreisprung

Wer hat schon mal von Medurecje gehört? Oder von Odzak? Oder von Domaljevac? Ich bisher auch nicht! Das sind aber 3 Exklaven innerhalb und außerhalb Bosniens, und wer wie ich so spinnert ist und die Enklaven/Exklaven der Welt besuchen will, kommt auch um diese 3 geografischen Besonderheiten nicht herum.

Völlig unscheinbares Städtchen, dieses Odzak

Wobei Odzak und Domaljevac nicht einmal Exklaven des Landes Bosnien/Herzegovina sind. Sondern - weil Bosnien eben in die 2 sehr getrennt lebenden Entitäten „Republik Srpska“ und „Föderation Bosnien/Herzegovina“ aufgeteilt sind, diese beiden Exklaven in der Republik Srpska liegen und zur Föderation gehören. Medurecje wiederum ist eine echte Exklave, wenige Kilometer außerhalb, in Serbien liegend, ähnlich wie Büsingen im Falle von Deutschland in der Schweiz liegt.

Was man schnell spürt, ist, dass die Republik Srpska vom Rest des Landes wenig wissen will. Auch wenn die beiden Teile formal zusammengehören und eben Bosnien/Herzegovina bilden, scheint es mir doch so, dass die Republik Srpska eher für sich sein will.


Nun denn, wie dem auch sei, diese 3 Exklaven wollten besucht werden, und so machte ich mich von Zagreb aus auf den Weg, mit einem Mietwagen - anders kommt man in diese abgelegenen Teile nicht rein.


Odzak liegt wie auch Domaljevac im Norden, von Kroatien aus gut zu erreichen, aber abgesehen von der Tatsache, dass es sich um Exklaven handelt, sind diese beiden Exklaven irgendwie zwischen gesichtslos und unscheinbar zu sehen. Nix los dort. Warum auch, liegen diese doch auch innerhalb des gesamten Landes, und dort kommt man sowieso überall hin, ohne Kontrolle.

Auch Domaljevac hat touristisch nichts zu bieten (wenigstens fand ich nichts)

Dass man vom einen Teil „Republik Srpska“ in den anderen Teil „Föderation Bosnien/Herzegovina“ wechselt, erkennt man an der vorherrschenden Beflaggung, und auch der politischen Propaganda - insbesondere auffallend im serbischen Teil.

Jeder Teilstaat hat seine Heldendenkmäler, den Krieg 1992-1995 betreffend. Wie in diesem Falle die tapferen Kroaten gegen die Serben-Aggressoren, in Odzak fotografiert.


Den gefallenen Soldaten gewidmet, hier den kroatischen Bosniern

Es ist dann eine ganz andere Geschichte, und vor allem ein ganz anderer Aufwand, um von diesen beiden Exklaven nach Medurecje zu kommen. Am anderen Ende Bosniens gelegen, zeigte mir das Navi knappe 300km an. Was vielleicht in Deutschland ein Klacks ist, aber nicht in Bosnien. Hier wird Autofahren eher schleichend zelebriert. Dies liegt zum anderen an der Landschaft (viele Berge, Täler, rauf und runter), dann an den Straßen (immer eng), und dann wohl auch an der massiven Polizei-Präsenz und den Radar-Fallen. Wie oft bin ich bei 60 km/h maximal zulässiger Geschwindigkeit hinter Autofahrern hergeschlichen, die mit weniger als 50 km/h unterwegs waren. Wer Auto schleichen will, ist in Bosnien richtig.

Und dann hatte mir mein Navi einen Streich gespielt und mich in ein Abenteuer verwickelt, welches ich niemals wieder so erleben will. Brav der Navi folgend, immer den Vorgaben nach wurde das Sträßchen immer enger, bis ich schließlich in einen Feldweg einbiegen durfte, der nach kurzer Zeit in einen Wald mündete. Genau dorthin, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Nach kurzer Zeit wollte ich umkehren, konnte aber nicht mehr, weil der Weg eben einspurig war und links und rechts gleich dichter Wald. Im ersten Gang, über Stock und Stein (echt!), bin ich 8 km immer tiefer in den Wald, ohne zu wissen, wann dieses Drama zuende geht. Keine Chance auf Umkehr, taucht hinter mir noch ein Motorradfahrer auf, welcher mich davon 6km verfolgte, im Abstand von vielleicht 30m. Ich zog es vor, ihn nicht überholen zu lassen (wer weiß, was der Typ für Absichten hatte). Blut und Wasser habe ich geschwitzt. Eine Reifenpanne wäre der Supergau gewesen, keine Ahnung, wer mich da hätte raushauen können. Irgendwann hörte der Alptraum auf, ich durfte in ein Asphaltsträßlein einbiegen, welches - oh Schreck - nach 1 km wieder zur Schotterstraße verkam. Dann aber nicht mehr durch den Wald, sondern durch offenes Gelände, an Behausungen vorbei - dass man da überhaupt wohnen kann! Ziegen habe ich verscheucht, Hunde haben mich angebellt. Nach weiteren 8 km im ersten Gang war es dann endlich vorbei, und die erste Tat nach Erreichen einer Asphaltstraße war, mir mein Navi näher anzuschauen. Und entdeckte einen Schalter, mit welchem man ausschalten kann, unasphaltierte Straßen zu benutzen. Diese Phantasie hatte mir bis dahin gefehlt, hatte mein Navi („maps.me") mir doch immer super Dienste geleistet und mich nie vom Asphalt weggeleitet. Aber Bosnien ist eben JWD, und da schlägt wohl ein voreingestellter Algorithmus zu. NIE MEHR WEG VOM ASPHALT, mein heiliger Schwur, lieber fahre ich die größten Umwege, aber nicht mehr solche „Abkürzungen“.

Erschöpft habe ich dann meine Fahrt nach Medurecje unterbrochen und mir in Visegrad ein Motel genommen. Übrigens ein schönes kleines Städtchen in der Republika Srpska, freundliche Leute, touristisch gar. Kann man sich anschauen. Die für den Fahrzeugverkehr gesperrte alte Brücke ist eine der Hauptattraktionen Visegrads.

Die alte Brücke in Visegrad. Hierhin kommen auch Touristen. Schönes Städtchen

Tags darauf dann die letzten 50km nach Medurecje.


Der Grenzer auf der bosnischen Seite wollte nicht so recht glauben, dass ich dorthin wollte, hat mir alle möglichen Dokumente abverlangt, wohl in der Hoffnung, er könne mir die Weiterfahrt mangels fehlender Papiere verweigern - dem war aber nicht so. Bis er mich nach 10 Minuten radebrechen (der konnte nur Bosnisch) ziehen ließ. Nach 2 km dann der serbische Grenzer - er machte weniger Umstände, ich sagte nur „Transit Medurecje“, er schaute meinen Pass an und ließ mich ziehen (die serbische Seite war meine eigentliche Sorge gewesen, denn zur offiziellen Einreise braucht man einen PCR-Test, den hatte ich nicht, weil doppelt geimpft, die Serben aber unsere Impfstoffe nicht anerkennen, man muss in Serbien geimpft sein.

Medurecje. Wo der Hund begraben ist

Was im Falle „Transit“ aber nicht gelten sollte. Aber wissen das die Grenzer an einem so gottverlassenen Übergang?). Nun denn, weiter gings, und plötzlich war ich in Medurecje. Ohne Grenzer. Da kann man einfach rein, ist man denn mal in Serbien.

Aber was für ein trostloser Ort, dieses Medurecje. Tote Hose wäre noch übertrieben. Das gelbe Haus scheint die Gemeindeverwaltung zu sein. Deutlich zu sehen ist die Flagge der Republika Srpska, und aufgewickelt rechts daneben die Flagge des Landes Bosnien/Herzegovina. Für mich eine Bekundung, wie die Serben ihre Zugehörigkeit zu Bosnien/Hezegovina auf diese Weise demonstrieren.

Das Verwaltungsgebäude der Exklave Medurecje. Die Flagge der Republik Srpska in voller Schönheit sichtbar, aber diejenige der Föderation sagen wir mal "missachtend" am Fahnenmast

Las ich in einem Bericht über Medurecje, man bekomme 8 Stempel in den Pass, wenn man von Bosnien nach Medurecje will und zurück (raus aus Bosnien, rein nach Serbien, raus aus Serbien, rein nach Medurecje, und die selbe Übung zurück), bekam ich doch keinen einzigen Stempel reingedrückt. Hat der bosnische Grenzer mir doch vertraut, dass ich eigentlich gar nicht ausreisen wollte, und der serbische Grenzer musste das genauso gesehen haben. Den Kaffee, welchen ich in dem Pub dort trinken wollte, habe ich mir den erspart - zuviel der Tristesse - und bin dann relativ zügig wieder rüber nach Bosnien, ohne großes Palaver mit den Grenzern.

In Serbien stehend, nach Medurecje rüberschauend

Es folgte eine lange Autofahrt Richtung Jajce, ein kleines touristisches Städtchen irgendwo in Bosnien, wo ich die letzte Nacht verbringen wollte, durch grandiose Landschaften, Schluchten und Täler.

Bosnien ist voller Wälder, Täler, und mächtigen Flüssen

Und irgendwann schließlich war auch diese Reise zu Ende, und das größte fahrerische Abenteuer überhaupt unbeschadet überstanden zu haben war im Nachhinein der ungewollte Knüller dieser Reise. 20 km über Stock und Stein, im ersten Gang, durch gottverlassene Gegend, nee, das muss ich nicht mehr haben.



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