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  • Wolfgang Fobo

Die Relativität von Barbaren

Aktualisiert: 13. Nov 2019

Vor Jahr und Tag fuhr ich einmal in einem chinesischem Zug. Mir gegenüber ein gebildeter Mensch, des Englischen mächtig. Wir kamen ins Gespräch, und ich fasste mir ein Herz und fragte ihn, was mich schon lange bewegte. „Was ich bei Euch Chinesen nicht verstehe, ist, dass ihr alle so viel spuckt“. „Und was macht ihr Ausländer mit der Spucke?“, fragte er zurück. Ich kam ins Grübeln. „Runterschlucken werden wir die“, meinte ich schließlich. Mein Gegenüber verzog sein Gesicht. „Igitt, bäh, wie kann man nur die Spucke runterschlucken!“. Und im Handumdrehen war dann ich der Barbar, unzivilisiert, ja schweinisch.

In der Tat, der Spucknapf, wenn man ihn auch heutzutage kaum mehr sieht, wurde beispielsweise bei den Behörden neben die Eingangstür zum Büro gestellt. Da konnte man dann schon vor Eintritt zum Amtsleiter seinen Kropf leeren. In deren Büro sah ich nicht selten ein Bett stehen, offiziell für den Mittagsschlaf zwischen 12.30 und 14.30 gedacht.

Den Zustand der öffentlichen WCs, will ich den kommentieren? Noch viel früher, als ich relativ einfach reiste und auf solche WCs angewiesen war, hatte ich so manche Härte zu überwinden. Die größte Hürde habe ich auch heute noch zu nehmen, wenn ich in einem öffentlichen WCs die Chinesen über ihrem Loch kauern sehe, wo sie dann regelrecht abkacken, einträchtig nebeneinander, sich dabei unterhaltend. Denn es fehlen alle Wände, und bei den Chinesen wohl auch ein Schamgefühl. Ich hatte daher über die Jahre meinen Darm insofern erzogen, als dass ich ihn bei längerer Abwesenheit von Zivilisation, beispielsweise bei Baustellen in der Pampa, regelrecht stilllegen konnte, um gerade solchen Verlegenheiten entgehen zu können.

Dann wiederum, beim Essen, kaum summt ein Flieglein in der Nähe, geben sich die Leute jede Mühe, dieses einsame Flieglein zu verscheuchen und vom Essen so weit weg wie möglich zu halten.

Übrigens, zum Titelbild, eine Anweisung: "Verboten zu Scheißen"


Wenn ich immer wieder von Besonderheiten berichte, welche mir gerade in China passieren, wie z.B. was ich mal wieder essen durfte, so verblasst China doch gegenüber Japan. Japan ist das eigentliche Land alles Bizarren. Nur in Japan fühle ich mich manchmal wie ein Barbar, weil ich auch nach was weissichwieviel Jahren größter Anstrengung nicht hinter die Geheimnisse japanischen Zusammenlebens komme. Sind in China die Dinge mitunter etwas exotisch, so entschuldigt man das doch damit, dass China eben noch nicht so weit ist, und das gibt sich womöglich mit der Zeit. Anders in Japan, Da sind die Dinge mit Absicht so organisiert – die Japaner sind mit voller Absicht ganz anders organisiert als wir und führen uns mitunter – wissentlich oder unwissentlich - unsere niedrigere Evolutionsstufe vor.

Bestes Beispiel hierfür ist der Zustand der Toiletten sowie deren „Automatisierungsgrad“. Dass in Japan die Toiletten blitzsauber sind – und zwar auch die öffentlichen – nimmt man sicher wohlwollend zur Kenntnis. Aber als absoluten Vertreter japanischer Finesse lässt sich die Toilette selbst beschreiben. Schon seit Jahren faszinieren mich die Bedienungsknöpfe an der Kloschüssel. Klappt man den Deckel auf, findet man zudem eine längliche Bedienungsanleitung, mitsamt Warnungen, wie man eine solche Toilette nicht benutzt. Ja, ich gestehe, ich habe endlich einen Selbstversuch gewagt und in meinem Hotelzimmer die ganzen Knöpfe an der Kloschüssel durchprobiert. Alle Achtung, da sprüht es von unten in allen Variationen. Ich kann die feine Düse einstellen, oder den etwas festeren Strahl. Wohltemperiert, versteht sich. Und das funktioniert zielsicher, auf den Millimeter genau. Und diese Zielsicherheit bringt mich ins Grübeln: denn woher weiß das Klo, wie ich draufsitze ?

Und: muß man jetzt noch Klopapier benutzen, oder nicht ? Oder doch ? Immerhin, das gibt es auch im Angebot, und dann greift man eben doch auf seine alten Gewohnheiten zurück. Und dann fragt man sich, wozu das Ganze gut ist, und wieso wir Westler nicht solche High-Tech brauchen. Wir sind eben doch Barbaren.

Dieser Selbstbefund verstärkt sich noch mit einem weiteren Detail der „Klokunde“, nämlich dass die Japaner zuhause Kloschlappen benutzen. Geht man aufs Klo, zieht man seine Hausschuhe aus und wechselt in die Kloschlappen. Und verlässt man das Klo, wechselt man selbstverständlich wieder in die Hausschuhe. Und, was machen wir Barbaren? Wir vergessen, dass wir die Kloschlappen anhaben und schlurfen mit diesen dann durch die Wohnung des Gastgebers. Diese muss dann dekontaminiert werden. Ist mir alles schon passiert.

Und solche Manifestationen japanischer Hochkultur gibt es im Dutzend. So etwas werden wir nie hinkriegen, da fehlt uns ganz einfach eine Dimension.

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