• Wolfgang Fobo

Der Gierschlund


Korruption ist in den Ländern, welche ich zu betreuen habe, weit verbreitet. Oft läuft da nichts ohne „under table“, und während ich anfangs doch recht in dieses mir unbekannte Terrain getunkt wurde, kraft Amtes sozusagen, schaffte ich es mit der Zeit, mich von solchen Begehrlichkeiten fern zu halten bzw. die Abwicklung solcher Begehrlichkeiten von den lokalen Kräften erledigen zu lassen. Über die Jahre haben die deutschen Finanzbehörden zudem das Auszahlen solcher Mittel immer weiter erschwert, einmal ganz abgesehen davon, welches Risiko wir dabei eingehen.

Insofern kann ich mir fast etwas darauf einbilden, in den letzten Jahren von solchen Mitteln der „Incentivierung“ verschont geblieben zu sein – ein Gesetzt verpflichtet uns sowieso dazu.

Wenn man sich einmal die Empfängerseite näher anschaut, so kann man doch große Differenzen zwischen den Indern und den Chinesen feststellen. Chinesen sind Meister des Agierens hinter der Bühne. Die Strippenzieher wollen nicht erkannt werden, und nur speziell Auserwählte schaffen es, sich einen Zugang zu den Entscheidungsträgern zu verschaffen. (Wozu ich Gott sei Dank nicht gehöre, bin ich doch als „ausländischer Teufel“ immer eine Risikoquelle). Aber schon vom Rande aus bekomme ich doch einiges mit. Ein mir wohl bekannter Akteur fasste das einmal so zusammen: „Zuerst lädst du deine Zielperson zum Essen ein. Nimmt er die Einladung an, dann sind schon einmal die Grundvoraussetzungen geschaffen. Wenn man sich dann näher gekommen ist, folgt eine Einladung zum Karaoke (da ist man dann mit den Mädels in einem Separée, darf ein bissl herumfingern, singt gemeinsam, und vertieft so seine Beziehungen). Im dritten Akt folgt dann schließlich die Einladung in den Saunaclub, da wird die Zielperson dann mit einem Mädel versorgt, mit Rundumbehandlung. Danach steckt man unter einer Decke und kann über alles reden.

Dieser mir wohlbekannte Akteur ist übrigens recht erfolgreich – ich stelle keine Fragen, und er erzählt auch nur wenig. Es ist sehr wichtig, dass es da Barrieren der Verschwiegenheit gibt.

So raffiniert ich die Chinesen erlebt habe, so plump sind die Inder. Nicht nur plump, frech waren alle diejenigen, welche ich kennenlernen durfte, und zudem direkt und unverschämt.

Von meinem Gipfelerlebnis will ich einmal berichten.

Es handelt sich dabei um einen sehr hochrangigen Beamten, welchem eingefallen war, uns quasi über Nacht mitteilen zu lassen, er würde mit seiner Entourage (3 Personen, 2 davon seine Kinder) umgehend in München eintreffen. Er erwarte, dass wir seine Anreise aus Berlin bezahlen würden, dazu seine Hotelübernachtung, sowie die Weiterfahrt nach Italien. Das sagte er nicht mir, sondern unserem Partner in Indien, welcher mich an einem Freitagvormittag davon in Kenntnis setzte, was da auf mich zukommen würde. Ich möge das bitte arrangieren, es ginge nicht anders, es müsse sein.

Nachdem ich Freitag nichts weiter erfuhr – keine Namen, keine konkreten Reisedaten, keine Kontaktdaten– ließ ich es Wochenende werden, ohne zu handeln. Am Sonntag kam dann eine recht ungehaltene SMS, warum ihn niemand kontaktieren würde, und warum nichts organisiert sei. Diese SMS ließ ich unbeantwortet verstreichen (der kommt mir gerade geschlichen, dachte ich). Montag schließlich die nächste SMS, er sitze jetzt bereits im Zug, habe sich die Tickets selbst gekauft, erwarte aber Kostenübernahme.

Nachdem ich mich mit unseren Indern beraten hatte, ahnte ich, dass ich nicht auskommen konnte, auch unsere Partner waren relativ ratlos, wohl auch deswegen, weil dies in Indien gewissermaßen „Stand der Technik“ ist. Ich hatte aber dann unseren Indern wenigstens klar gemacht, dass ich die gesamten Besuchskosten mir aus Indien zurückholen wollte – solche Kostenübernahmen ließen sich unmöglich vor einem deutschen Finanzamt rechtfertigen (unsere Partner meinten anfangs tatsächlich, die Kosten sollte unsere Firma übernehmen).

Dann trafen sie ein, und ich holte die Herrschaften vom Hauptbahnhof ab. Entgegen deren Erwartung ohne 2 Autos, welche er auch noch bei mir bestellt hatte, denn sie hätten recht viel Gepäck. Nachdem ich dem Herrn klarmachen konnte, dass deren Hotel nur gerade mal 200m vom Hauptbahnhof entfernt war und wir eh keine Parkmöglichkeiten gehabt hätten, akzeptierte er widerwillig, diese 200 m zu Fuß zu gehen - ich lud mir eh einen Großteil dieses Gepäcks auf. Nach dem Einchecken - wobei er betonte, das seien meine Kosten – kam er dann auf den Punkt. Er „bedankte“ sich dafür, dass wir bereit waren, seine Kosten zu übernehmen – das waren für Hotel und Tickets aus Berlin zunächst einmal schlappe 1.000 Euro. Welche ich ihm in bar in die Hand drücken durfte, teilweise ohne Belege dafür zu erhalten. (Diese 1.000 Euro sind zunächst einmal mein eigenes Geld, welches ich am Automaten kurz vorher gezogen hatte.)

Der Beamte meinte dann, ob es mir nicht möglich sei, umgehend 4 Flugtickets nach Venedig zu besorgen, die Bahnfahrt aus Berlin sei mit 7 Stunden doch recht anstrengend gewesen. Ich dachte für mich, solange ich mein Geld wiedersehe, mache ich alles mit, nur hatte ich kurzfristig keine weiteren 2.000 Euro parat, um sofort seine Begehrlichkeit zu befriedigen. Ich redete mich heraus, das Reisebüro habe schon zu, und eine solche Buchung ginge nur am Folgetag (dabei erschreckte ich ihn mit seinen eigenen Waffen, als ich betonte, auf den Tickets müssten dann doch die Namen stehen, und wenn ich mein Geld wiedersehen wollte, würde das offiziell…wohingegen Bahntickets anonym seien…)

Immerhin schaffte ich es, diese Thematik auf den Folgetag zu verschieben. Nach einer Firmenbesichtigung ließ ich ihn dann für den Abend alleine. Mit der auch noch zutreffenden Begründung, er sei einen Tag früher gekommen als angekündigt, und ich müsse eh meine Abreise nach China vorbereiten.

Tags drauf war für 8.30 ausgemacht, und wer nicht da war, war dieser Beamte. Ich wartete geduldig bis 9 Uhr, ließ ihn dann ausrufen, und als der Beamte dann seine Begehrlichkeit mit den 4 Flugtickets wiederholte, bedeutete ich ihm, es sei jetzt zu spät, denn er würde den Flug nicht mehr erreichen, welcher ca. 2 Stunden später ginge. Und der nächste Flug käme so spät an, dass er gleich den Zug um halb zwölf nehmen könne, der ginge direkt. Und dann bot ich ihm noch das Zuckerl an, ihm 4 Erste Klasse Tickets zu besorgen. Widerwillig lenkte er ein, ich verschwand zum Bahnhof, kaufte die 4 Tickets von meinem Geld, ging zurück ins Hotel, und händigte ihm diese 4 Tickets aus, dabei ihm einschärfend, er möge unbedingt 20 Minuten vor Abfahrt am Bahnsteig sein, denn so kurz vor Abfahrt ließ sich keine Reservierung mehr organisieren.

Und dann zeigte der Herr einmal mehr seinen Charakter, indem er darauf herumritt, was denn dann mit den Kosten für eine eventuelle Reservierung sei, welche er dann im Zug vornehmen müsse. Da half alles herausreden nicht, er bestand auf seiner Angst, dass Kosten auf ihn zukommen würden, erhoben vom Schaffner, dafür, dass er auf einem freien Sitz sitzt. Ich zog meinen (vorher präparierten) Geldbeutel raus, zeigte ihm mein „letztes Geld“, und drückte ihm einen 50-Euro Schein in die Hand, für irgendwelche Eventualitäten. Erst dann gab der Typ Ruhe.

Ich verabschiedete mich, müsse meine Abreise nach China vorbereiten. Und suchte das Weite.

Kuh erfolgreich vom Eis bekommen, dachte ich, Begehrlichkeit abgewehrt und uns so ca. 1.300 Euro gespart, mithilfe seiner Eitelkeit als Herrschaftsmensch, mich gewartet haben zu lassen und so eine Flugbuchung „leider“ keinen Unterschied mehr machen würde.

Um 11.50 geht mein Handy. Der Beamte ist dran. Er habe den Zug verpasst, ob ich ihm nicht umgehend 4 Flugtickets nach Venedig besorgen könne. Als Begründung nannte er seinen langen Kampf mit dem Hotelpersonal, welches wohl darauf bestand, dass er das Frühstück bezahlt (offenbar hatte er ohne Frühstück gebucht, und saß jetzt auf Kosten, welche ich eben nicht übernommen hatte, wie sollte ich denn das auch wissen. Aber die Streiterei ließ ihn wohl den Zug verpassen.

Jetzt begann ich zu lügen. Ich sei schon unterwegs und nicht mehr im Büro, und innerhalb von so kurzer Zeit könne ich eh keine Flugreservierung vornehmen, bla bla bla. Dafür bekam er von mir die nächste Abfahrtszeit des Zuges nach Venedig, genau 4 Stunden später, soll er sich doch mit seiner verwöhnten Brut solange auf dem Hauptbahnhof herumdrücken.

Mit anderen Worten, ich hatte genug und ließ ihn stehen. Riskant vielleicht, aber der Beamte erwartete einfach zu viel zu schnell. Er übertrug seine indische Umgebung, in welcher für so einen hochgestellten Beamten ein Heer von Dienern sich darum schlägt, ihm einen Wunsch von den Augen ablesen zu dürfen, und dies rund um die Uhr, auf Deutschland, wo eine mittelständische Firma einfach nicht für solche Infrastrukturleistungen eingerichtet ist.

Wir können nicht auf „Fingerschnipp“ solche Leistungen zur Verfügung stellen, sondern brauchen Zeit und Vorbereitung. Dass dieser Beamte uns eh keine Gegenleistung erbringen wird, ist mir auch klar – diese Erfahrung durfte ich in den vergangenen Jahren in Indien bereits machen. Alle Beamte wollen nur Geld und Vorteile, kein Einziger hatte überhaupt jemals eine Gegenleistung erbracht. Und was bin ich anfangs denen hinterhergelaufen, weil mir von anderen Indern gesagt wurde, das mache einen Unterschied. Insofern kann man auch streng genommen nicht von Korruption reden.

Nein, es ist eher eine Form von Steuer, welche die Unternehmen bezahlen. In der fürchterlich komplexen und langsam arbeitenden Bürokratie, welche die Inder zur Meisterschaft gebracht haben, gibt es immer etwas zu genehmigen, und Genehmigungen dauern Zeit. Diesen Beamten nicht zu Diensten zu sein kann darin enden, dass der Antrag eben nicht oder nur mit großer Verspätung genehmigt wird. „Speed Money“ nennt man denn das auch in Indien. Der Beamte macht die Hand nur dafür auf, dass er seine Pflicht tut. Einen Gefallen tut er nämlich keinem – davor hat er doch zu viel Angst.

So betrachtet habe ich nichts anderes als Gefahrenabwehr betrieben.

Unter anderem warte ich schon seit 4 Jahren, dass wir unsere Produkte überhaupt produzieren und in den Verkehr bringen dürfen. Auch dafür braucht man in Indien eine Genehmigung.

So ist Indien, überall. Und solange Indien so ist, wird sich Indien nicht entwickeln. Den Gierschlunden wird schon immer wieder ein Hindernis einfallen, welches für Speed Money etwas schneller aus dem Weg geräumt werden kann.

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