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  • Wolfgang Fobo

Essen gehen in Korea

Aktualisiert: 24. Apr 2019

Der unbedarfte Besucher wird seine Überraschungen erleben, wenn er zum ersten Mal in Korea typisch Koreanisch essen geht, und sich das zweite Mal entsprechend anpassen – so gut es eben geht.

Koreanisch Essen ist mal wieder anders als alles andere, vielleicht dem Japanischen noch am ehesten ähnlich.

Man isst auf dem Boden. Auf dem harten Boden, an niedrigen Tischen, und muss seine Beine zusammenfalten, wenn diese unter den Tisch passen sollen. Das gelingt mir aber nicht. Vorausschicken muss ich aber noch, dass man, um überhaupt auf den harten Boden zu gelangen, vorher seine Schuhe ausziehen muss. Gut, das kenne ich von den Japanern. Heißt aber auch, dass man zusehen muss, keine Löcher in den Socken zu haben, und die Schuhe sollten nicht zu eng sein, damit man, genauso wie die Koreaner, in wenigen Sekunden drin und draußen ist. Und nicht wie bei mir, als ich einmal in neuen besten Schuhen unterwegs war, Ewigkeiten verbrachte, in meine Schuhe hineinzukommen und dadurch den gesamten Betrieb aufhielt.

Aber nun zum Boden. Weil es mir eben nicht so gelingt wie den Koreanern, meine Beine zusammenzufalten und unter den Tisch zu platzieren, muss ich einen größeren Abstand vom Tisch halten. Als Ausländer bekomme ich dann ein paar extra Kissen untergeschoben, so sitze ich leicht erhöht, damit meine Beine nicht so weh tun über die Zeit. Neuerdings bekommt man dann auch noch Rückenlehnen dazu, sogar die Koreaner, offenbar gelingt ihnen die Dauerübung des Zusammenfaltens der Beine im Verbund mit geradem Sitzen auch immer weniger. Sitze ich dann endlich, kann’s mit dem Essen losgehen.

Wenn man nun im größeren Abstand vom Tisch sitzt und dazu sich die Speisen mit den Stäbchen angelt, kommt eine weitere Komplexität hinzu, welche eine Konsequenz des Abstandes ist. Man isst nämlich nicht nur in vertikaler Richtung, sondern das Essen wandert auch horizontal, und bei mir als Ausländer eben größere horizontale Strecken als beim Koreaner, welcher in seiner Bewegungsrichtung des Stäbchens weitgehend vertikal bleibt. Das heißt schlichtweg, dass man, wenn man kleckert, sich die Kleider verkleckert, während das Essen beim Koreaner im Falle des Kleckerns zurück auf den Tisch fällt. So habe ich mir schon meine Krawatte ruiniert, mit schöner roter Soße, und auch meine Hosenbeine haben ihren Teil abbekommen. Heißt, man sollte feuchte alkoholische Tücher griffbereit liegen haben, damit man die Sauerei rechtzeitig von den Kleidern bekommt.

Das Essen selbst ist eine ausgesprochen zwanglose Angelegenheit, jeder bedient sich wie er mag, rührt sich seine Schüsselchen zurecht, mischt wie er mag, und es geht lustig zu (sofern es keinen Ammoniakfisch gibt, aber diese Geschichte steht in einem anderen Kapitel). Die koreanischen Trinksitten sind aber wieder einzigartig, man schenkt sich sein Glas grundsätzlich nicht selbst ein, sondern bekommt vom Nachbarn eingeschenkt. Bier oder Soju, das ist der koreanische Reisschnaps, recht milde, an den gewöhne ich mich gerne. Beim Einschenken ergreift man sein Glas grundsätzlich mit beiden Händen, genauso wie der Einschenkende die Flasche grundsätzlich mit beiden Händen ergreift. Ist das Schnapsglas für beide Hände zu klein, greift die freie Hand entweder an die haltende Hand oder an die Brust. Höflichkeit ist da oberstes Gebot.

Korea ist dann wohl eines der wenigen Länder, wo man unter dem Essen uneingeschränkt rauchen darf – da darf man sich nicht dran stören.

Wenn nur das Bein zusammenfalten nicht wäre – so gerne wie ich Koreanisch esse, aber meine sperrigen Knochen kommentieren diese Übung nicht gerade freudig.


Von dieser Mutprobe muss ich aber auch noch erzählen:


Tags drauf konnte ich mir das nur so erklären, dass ich ordentlich geschnapselt haben muss, um so was zu tun.

Lustig waren wir zusammengesessen, mit Jin, unserem Koreaner, und seinem Ingenieur. Sashimi vom Feinsten gab es, und Soju floß in Strömen. Ich lobte den Koch ob seiner Kochkunst, den frischen Sashimi, und lud ihn zu einem Glas Soju ein. Hocherfreut verließ er uns, um nach ca. 10 Minuten wiederzukommen. Mit einer Schüssel 3 lebender Garnelen. Setze sich neben mich, holte die erste Garnele heraus, bog sie herum, hielt Kopf und Schwanz zusammen. Begann, den schützenden Panzer abzupulen. Reichte mir die Garnele rüber und bedeutete mir, da kräftig reinzubeißen. Reines weißes frisches Garnelenfleisch, wie es frischer nicht sein kann. Und was tat ich? Überlegte nicht lange und biss eben rein. Kopf und Schwanz, übrig geblieben, legte ich auf dem Teller ab. Die Garnele schaute recht überrascht, so kam es mir zumindest vor. Dann war Jin an der Reihe, er machte auch nicht viel Federlesens mit seiner Garnele, und weg war sie. Der Ingenieur zierte sich doch sehr, konnte aber aus gruppendynamischen Gründen wohl nicht aus. Und wenn der Deutsche und sein Chef das vormachen, was blieb dem armen Kerl schon übrig..

Die Garnelenköpfe bewegten sich noch lange nach der Mahlzeit recht lebhaft, und weil ich das immer wieder kommentierte, was der Ingenieur wohl so interpretierte, mir sei der Anblick recht peinlich, nahm er schließlich die Schale mit den 3 Restgarnelen und legte sie unter den Tisch.

Gut, Austern vertilgt man auch lebend, und Garnelen sterben im „richtigen Leben“ da draußen im Meer wohl auch nicht an Altersschwäche, sondern werden eher gefressen. Aber das war doch sehr grenzwertig, einfach in ein lebendes Tier reinzubeißen und den Rest dann ablegen.

Da fehlt der Respekt vor der Kreatur.

Muss ich nicht noch mal haben.

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