• Wolfgang Fobo

Herrenmenschen

In Indien gilt vielleicht stärker als anderswo, dass, wenn man als Herr gelten will, man sich auch als solcher verhalten muss. Die Regeln hierfür sind mir großteils verborgen geblieben, und sie wurden mir genetisch auch nicht in die Wiege gelegt. Unser indischer Vertreter hat mir aber oft vorgemacht, wie das geht. War er mit anwesend, war es mir praktisch nie erlaubt, meine Aktentasche selbst zu tragen. Dazu gab es Kulis, und die hatten das eben zu tun. Als ich ihm einmal anhand eines Modells erklärte, wie unser Produkt funktionierte, und es dazu auch einmal auseinander baute, um die Vorzüge zu demonstrieren, fasste er es dennoch nicht an, um es selbst einmal nachzuvollziehen. Das ist wohl mechanische Arbeit, und die ist eines Herren eben unwürdig. Einmal sind wir mit dem Nachtzug gefahren, und hatten eben unser Gepäck dabei. Ich erinnere mich noch lebhaft an die Szene, als ich mein Gepäck selbst tragen wollte und mir das unser Vertreter regelrecht untersagte. Dafür gebe es Kulis. Uns so stolzierten wir den Kulis hinterher, welche unser Gepäck auf den Köpfen zum Zug trugen. Recht hat er. Wenn wir unser Gepäck selbst tragen, betrügen wir die Kulis um deren Arbeit, ja um deren Existenzberechtigung. Denn deren Lebensinhalt ist es eben, unser Gepäck zu tragen, so wie es unser Lebensinhalt nun mal ist, die vielen Dienstboten zu beschäftigen, die überall in Indien auf Arbeit warten. Die indische Ordnung, jeder in sein Schachterl. In Indien brauche ich deswegen immer viele kleine Scheine. Trinkgeld.

Nachdem ich als deutsche Führungskraft in eine bestimmte Kategorie eingestuft werde, denn ich verkehre ja mit den lokalen Führungskräften, muss ich mich auch entsprechend verhalten. Das geht so weit, dass ich in Asien meistens auf höherem Niveau lebe als zuhause. Damit ich von den dortigen Entscheidungsträgern auch entsprechend wahrgenommen werde. Diese Notwendigkeit muss zuhause von den Reisekostenprüfern akzeptiert werden.

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