• Wolfgang Fobo

Karaoke


Ein abendlicher Zeitvertreib für Geschäftsleute. Ich, der standhafte Nichtsänger bei uns zuhause, singe wie ein Zeiserl in China, Korea, und Japan. Immer wieder eingeladen durch meine Geschäftspartner dort, ist es immer wieder ein schräges Erlebnis. Welches man vielleicht deswegen dort gut ertragen kann, weil einen niemand kennt.

Die Gepflogenheiten in den von mir durchlebten Karaoke-Bars sind dabei von Land zu Land verschieden. Gleich ist allen, dass man sich die Karaoke-Mädels hinzumietet – was das in Korea oder Japan kostet, weiss ich nicht, aber in China gehen für einen Abend so ca. 30 Euro „Miete“ drauf, plus Getränke.

Damit kein falscher Eindruck entsteht, das offizielle Karaoke ist relativ bodenständig, die Mädels sitzen neben einem, sorgen dafür, dass wir genug zu trinken haben, und dann gibt es eben den üblichen Smalltalk – meist nicht auf Englisch, denn so viel Bildung haben die meisten wohl nicht aufzuweisen. Man kann mit dem Mädel vielleicht Händchen halten, mehr ist nicht drin, manche lassen sich befingern, vor allem kann ich das in China beobachten. Wie überhaupt China anders ist als Korea und Japan. In China bleibt einem das Mädchen die gesamte Zeit zugeteilt, es gibt nur junge und hübsche, die älteren werden irgendwann ausgemustert. Nach den Gründen gefragt, heißt es in China immer wieder, ältere Frauen könne man den Kunden doch nicht zumuten. Das gilt übrigens auch für die ganz normalen Bedienungen in den Restaurants, es gibt ausschließlich nur junge und zurechtgemachte Mädels. Ich habe mich in München schon des öfteren von Chinesen fragen lassen müssen, warum bei uns so viele alte und hässliche Bedienungen herumspringen. „Die müssen doch auch arbeiten, die älteren“, entgegne ich regelmäßig, was die Fragesteller aber nicht zufrieden stellt. Es gebe doch genügend andere Arbeit für unansehnlich werdende Frauen, heißt es immer wieder. Offenbar ist der Nachwuchs an jungen Mädchen in China immer noch unbegrenzt.

Vor allem in Japan, aber auch in Korea, wechseln sich die Mädchen bei der Bedienung von uns Kunden ab. Dabei passt der Ausdruck „Mädchen“ nicht mehr, denn da springen durchaus auch ältere Semester rum, wahre Geschosse teilweise, halb verwelkt. Aber die haben es nicht minder in sich, ich konnte mich gerade mit solchen „Geschossen“ sehr angeregt über alles mögliche unterhalten, den jungen Mädels fehlt es da meistens an Erfahrung. In der Tat, die älteren Japanerinnen haben was drauf, die machen Small Talk mit Kultur.

Natürlich, gesungen wird auch, man sucht sich die Lieder aus, und während man in China in der Tat mit dem Mädchen auch Duett singt – vorausgesetzt, Sänger und Sängerin kennen dasselbe Lied, was in meinem Fall meistens nicht zutrifft – singt man in Korea und Japan alleine, und das Mädchen steht daneben und himmelt einen an. Da kommt man noch besser raus.

Nicht vergessen werde ich einen Abend in Kawasaki, als ich von meinem lieben Vertriebskollegen Tanaka auf ein Karaoke eingeladen wurde. Wir teilten uns die Bar mit vielleicht 3 oder 4 Gruppen, lauter Geschäftsleute, Mädels dazwischen, weiche Couch, Whisky.

Vorhang auf, No.1 setzt sich zu mir. Jung, hübsch. Wir fachsimpeln über unsere Hobbies, und ich kann punkten, denn ich kenne einen Hit von Metallica (Nothing else matters, DEN Kult-Hit überhaupt), und weiss auch was von Judas Priest. Vorhang zu, Vorhang auf, No.2 tritt in Erscheinung, etwas älter. Wir singen gemeinsam die Forelle von Schubert. Dann fängt ein Japaner an, mit unsäglich schlechter Stimme die besten Hits aus meiner Jugendmaienblütenzeit zu singen. Ich bin begeistert. „Highway Star“ von Deep Purple, und immer wieder Led Zeppelin, natürlich auch „Stairway to Heaven“. Und das in einer japanischen Karaoke-Bar. Dann muss ich ran, mein „Mädchen“ sucht mir Billy Joel aus, und dann geht’s ab. Vorhang zu, Vorhang auf, No.3 kommt, ein wahres Urviech vom Austragsstüberl. Aber lustig, und dann offenbart sie sich als Santana-Fan. „Oye como va“, und ich bin selig. Ich hätte mir vor Freude beinahe in die Hose gemacht. Musik vom Feinsten, dann immer wieder japanische Volkslieder dazwischen, und gegenüber baggert ein 70 jähriger Japaner seine 60-jährige Karaoke-Begleitung an. Aber die will sich seinen Finger-Übungen entziehen. Oh was für eine Mischung von Skurrilem., und wie es hier menschelt! Der eine Japaner – wohl in meinem Alter – grölt dann sein nächstes Stück, jetzt ist Elton John dran mit seinem Crocodile Rock. Tanaka-San war wohl selbst überrascht, in welch gute Stimmung mich dieses Setting gebracht hat. Hier in Japan menschelt es in ganz anderen und ursprünglicheren Tiefen als in China. Dort wird mehr auf Illusion gemacht, und das urmenschliche, das Altern, wird einfach herausgefiltert. Da ist Japan ehrlicher. Aber, auch das muss ich zugeben, ich habe Jahre gebraucht, bis ich ein japanisches Karaoke erleben durfte. In China ist jeder gleich dabei.

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