• Wolfgang Fobo

Lug und Trug


Vielleicht liegt es in den Genen– Chinesen streben immer nach dem Billigsten. Qualität ist zwar gerne gesehen, aber wenn es das anscheinend gleiche Produkt irgendwo billiger gibt, und sogar den Anschein hat, es sei gleich gut, dann hat das eigentliche Markenprodukt ausgespielt.

Das erleben wir in unserem Geschäft jeden einzelnen Tag. Wir genießen aus gutem Grund ein hohes Ansehen, und unsere Produkte weisen wahrscheinlich die längste Lebensdauer auf. Zahllose Nachmacher in China proklamieren aber, dass man uns auch billiger haben kann.

Gerade erlebe ich wieder ein typisch chinesisches Ansinnen. Man will mit uns „kooperieren“. Das bedeutet in China, man will sich unsere Identität aneignen, so gut es eben geht, um dem Markt glauben zu machen, in einer Kooperation mit dem Echten Wahren sei das eigene Produkt nun aufgewertet. In den momentan stattfindenden Verhandlungen darf ich einmal mehr feststellen, dass der chinesische „Partner“ eigentlich nichts anderes von uns will als unsere Marke. Denn der Markt sei ja so preisempfindlich, und wenn wir unsere Qualität auch nur teilweise einbauen wollten, seien wir gleich von Anfang an so teuer, dass wir nicht absetzbar seien. Auf meine immer wieder dann absichtlich naiv gestellte Frage, wozu man denn uns dann überhaupt brauche, kommt dann immer wieder mehr oder weniger unverhohlen zum Vorschein, dass man uns zu deren Verkaufsförderung brauche. Glaube nur ja niemand, dass für uns dann eine angemessene Belohnung herausspringen würde, selbst wenn wir unsere Seele verkaufen wollten. Gerade mal 1% des Verkaufspreises sei drin, als Belohnung dafür, dass der Partner den Markt damit betrügt, mit unserem Markennamen eine höhere Qualität zu unterstellen.

Es gibt in China zahllose Firmen, welche unsere Marke kopieren, ja sogar unseren Namen benutzen. Unlängst nach einer bestimmten Stahlsorte suchend, welche es in Europe nicht gab, hieß es aus China, nein, diese Sorte gäbe es in China auch nicht, aber sollten wir ein Materialzeugnis brauchen...

Mit diesem Verhalten schaden sich die Chinesen auch selbst – die Lebensmittelskandale zeugen davon. Wenn nun ein Skandal herauskommt, etwa der mit der gepanschten Milch, dann mache ich jede Wette, dass dutzende Sauereien noch unentdeckt sind. Da werden beispielsweise Wassermelonen mit roter Flüssigkeit aufgespritzt, damit sie besser schmeckend aussehen. Und ich will nicht wissen, wie viel Hormone und Antibiotika ich im Laufe meines China-Einsatzes schon geschluckt habe – alles Mittel, um mit noch weniger Einsatz noch mehr Output zu produzieren. Sicherheit in Bergwerken, auf dem Papier sicherlich ja, aber Kohle muss eben billig sein, um das Wachstum nicht zu behindern.

Lug und Trug ist also auch unter den Chinesen gang und gäbe, es gibt keine Moral. Bei lokalen Mitbewerbern soll es nicht selten vorkommen, dass der dortige Vertrieb einen eingefahrenen Auftrag unter dem Tisch (d.h. gegen eine finanzielle „Anerkennung“) an seinen eigenen Mitbewerber verkauft – und zwar, sobald sich dies verheimlichen lässt. Ich frage mich nun, was unser eigener Vertrieb letztes Jahr gemacht hat, als er „leider“ keinen Auftrag generieren konnte. Jeden Einzelnen in unserem Vertrieb habe ich an die Luft gesetzt, und nach einer kurzen Flaute sprudeln die Aufträge wieder reichlich.

Jeder darf sich bereichern, und dass der oben erwähnte Vertrieb solche Dinge dreht, ist sogar oft den Eigentümern klar. Aber, wie ich staunend erfahren durfte, tolerieren sie das zu einem bestimmten Maß, arbeiten sie doch mit denselben Mitteln, haben sogar deren Firmen mit solcherart abgezweigten Aufträgen gegründet.

Wenn wir als Ausländer ein Geschäft machen, wird uns oft unterstellt, wir würden die Kunden abzocken, schließlich haben wir aus Sicht der Chinesen ja gute Preise. Wenn sie aber selber ein Geschäft machen, ja dann zeugt es von deren Gewitztheit. Reichtum ist hier wahrlich keine Schande, jeder strebt danach, und deren Gott ist der Geldgott.

Das ist in Abwesenheit von Alternativen auch verständlich. Das System erlaubt es nicht, nach anderen Werten zu streben. Religion ist verpönt siehe Dalai Lama oder gar der Vatikan, nein, man soll keine anderen Götter neben der Regierung haben. Politische Beteiligung – also Macht – wird nicht zugestanden.

Die Regierung toleriert zum großen Teil diesen Betrug und diesen unmoralischen Drang nach Bereicherung. Solange das Völkchen nämlich damit beschäftigt ist, reich zu werden, kann die Regierung an der Macht bleiben.

Der Präsident einer unserer lokalen Mitbewerber schmückt sich mit einem gemeinsamen Photo des Staatspräsidenten – Handschlag -, das wertet sein Produkt auf. Und ich will nicht wissen, wie viel Geld er hingelegt hat, damit sein Geraffel zum offiziell „Herausragenden Produkt“ erklärt wurde. Ein Dinosaurier in unserer Branche, welcher außerhalb Chinas keine Chance hätte, wird hier hochgejubelt. Lug und Trug, jede Art von Kriegsführung kommt in China zur Anwendung, um reich zu werden.

So lerne ich jeden Tag dazu, vieles nimmt mich nicht mehr wunder, aber immer wieder fasziniert mich Skrupellosigkeit in wieder neuer Dimension. Viele meiner Landsleute, welche von China romantische Vorstellungen haben, etwa diejenige, dass man dort auf dem Rechtsweg sein Recht bekommt, kann ich nicht mehr ernst nehmen. Kann schon mal zutreffen, aber man darf sich niemals darauf verlassen.

Nichts gibt es im Leben umsonst, aber auch in China gilt der Umkehrschluss, dass es umsonst eben nichts gibt. Die Rechnung wird nur in die Zukunft verschoben.

Hier gilt eines: Kontrolle und nochmals Kontrolle. Vertrauen wird als Schwäche ausgelegt, und westliche Doofköppe mit deren blindem Vertrauen (oder Geldgier) sind Freiwild.

Dennoch, auch hier kann man einigermaßen anständig sein Geld verdienen. Und davon liegt eben viel viel mehr auf der Straße als bei uns zuhause. Nur die Methoden sind oft eben „chinesisch“.

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