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  • Wolfgang Fobo

Ohrenschmalz


Eine mir wohlbekannte Person holt sich des öfteren ein Streichholz aus der Schachtel (in China wird bei Tisch auch geraucht), pult sich damit im Ohr rum und streicht dann das Ohrenschmalz an die Tischdecke. Oder an die Armlehne des Sessels. Da muss dann auch ich immer die Luft anhalten. Das passiert auch in meinem Hotelzimmer. Ich fühle mich dann irgendwie kontaminiert.

Während ich immer dachte, das sei der Spleen eines Einzelnen, saßen wir unlängst zu dritt zusammen, wieder in meinem Hotelzimmer. Sieht doch der Spezl dieser Person eine Streichholzschachtel, holt sich ein Streichholz raus, und beginnt, selbstvergessen in seinem Ohr herumzupulen. Nimmt das Streichholz, streift sein Ohrenschmalz ab und beginnt damit ein Kügelchen zu drehen. Und, hopp, in meinen Aschenbecher. Irgendwann gehen die beiden, ich bleibe zurück, von meinem Zimmer entfremdet, am Liebsten umziehen wollend.

Das Thema lässt sich aber auch wissenschaftlich beleuchten. In Taiwan, im Barbershop. Ich werde gefragt, ob ich mir die Ohren reinigen lassen will. Neugierig wie immer, bejahe ich. Kommt ein Mann mit einem Leucht-Spiegel eines Ohrenarztes vor der Stirn, einen Mini-Löffel mit einem riesig langen Stiel in der Hand haltend. Beängstigend lange, damit könnte man quer durch den Kopf fahren. Ich halte die Luft an und lasse die Prozedur schicksalsergebend über mich ergehen. Sehr geschickt und vorsichtig kratzt er mir heraus, was herauszukratzen ist.

Mit dieser Prozedur sind auch Lustgefühle befunden, wie ich selbst bestätigen kann. Ein denkwürdiges Ereignis in Kunming, China. Wieder im Barbershop, diesmal eine „Kopf-Wasch-Prozedur“ bestellend. Da wird nicht nur der Kopf gewaschen, verbunden ist damit eine Massage des Kopfes, der Schulter, sogar der Hände und Arme. Teil die Kopfwäsche ist die Ohrenwäsche. Mit zarten Frauenfingern die Ohren einseifend, schon ein unbekannt angenehmes Gefühl, wird dieses Erlebnis auf die Spitze getrieben, als, zack, links und rechts die zarten Fingerchen des Mädchens mir in die Ohren fahren und für ein paar Sekunden mir die Ohren ausputzen. Was für ein sensationelles Gefühl, welche Erotik ! Ich fühlte mich schlagartig daran erinnert, wie mir meine Mutter als Kind die Ohren putzte, lang vergessen, wohlig schön.

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