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  • Wolfgang Fobo

Den Affen Zucker geben


Damit habe ich mir anfangs schwer getan, aber inzwischen geht es mir leicht von der Hand: ich gebe den Affen Zucker. Wenn die Affen es verlangen, und wenn das Zucker geben nach meinem Dafürhalten bei unserer Firma keine Auswirkungen hat.

Was meine ich damit? Nun, es kommt immer wieder vor, dass Kunden einen völligen Unsinn verlangen, aber ich den Kunden nicht sagen kann, dass dies völliger Unsinn ist. Sie verlangen Dokumente, welche es nicht gibt. Sie verlangen Zeugnisse für Tests, welche wir nicht durchführen, weil die Tests per se unsinnig sind und keine Aussagekraft haben. Zumindest nicht in unserer Kultur.

Oder unsere Zeugnisse sind auf Deutsch, weil der Hersteller eben in Deutschland sitzt, und seine Zeugnisse auf Deutsch verfasst. Jetzt verlangt der Kunde eines auf Englisch. Gibt es aber nicht. Soll ich da lange streiten?

Die Affen sind also die Kunden aus einer anderen Kultur, welche anders denken und Ihre Sichtweise auf uns übertragen. Den Affen kann ich aber auch keine Vorwürfe machen und rüberrufen „heh stellt euch nicht so an, seht ihr den Unsinn nicht?“. So rede ich zwar mit unserem Vertreter, der muss das aushalten, aber dessen Kunden, welche über ihren Tellerrand nicht rausschauen können, meinen eben, dass die Außenwelt genau so funktioniert und sie deswegen ein Anrecht darauf haben, dass da draußen – und damit auch bei uns – die Dinge so laufen wie sie es eben gewohnt sind.

Ein interkulturelles Problem. In Asien will – nein soll, das ist vom System so vorgegeben - der Einzelne oft keine individuelle Verantwortung übernehmen und macht auf „Dienst nach Vorschrift“.

Wenn dann ein Nachweis gefordert ist, welchen es bei uns nicht gibt, und ich kann diesen Nachweis „editieren“, dann mache ich das. Das könnte man für Dokumentenfälschung halten – ok, das muss ich gestehen, ganz koscher ist es nicht – aber es nicht zu tun heißt dann, dass der Sachbearbeiter im Hamsterrad auf der gegenüberliegenden Seite des Zaunes dann unsere Sache nicht weiterbringt, und wir ggf. einen Auftrag nicht erhalten oder bei der Abwicklung eines Auftrages Verluste einfahren, wenn wir dem Anliegen des Kunden nicht nachgeben.

Der Sachbearbeiter auf der anderen Seite des Zaunes, in seinem eigenen Hamsterrad, will auch nur seinen Haken machen und sich absichern, und denkt nicht weiter drüber nach, ob ein bestimmter geforderter Nachweis Sinn macht oder nicht.

Natürlich wehre ich mich anfangs immer dagegen, unsinnige Dokumente zu verfassen, diskutiere das mit unserem Vertreter. Aber wenn der zu mir sagt „komm das sehen wir hier nicht so eng“, dann gebe ich mir den Ruck und erstelle schon mal ein Dokument, welches eigentlich von jemand anders erstellt werden müsste.

Ich erinnere mich an meine erste „Untat“ vor ewiger Zeit in Taiwan. Es waren Testzertifikate gefragt. Hatten wir aber nicht. Ich hatte mich dann mit meinem Vertreter zusammengesetzt und jeden einzelnen Wert verfasst, dort ausgedruckt und unterschrieben. Und ich sagte mir „wenn das rauskommt, dann klicken bei mir die Handschellen“. Natürlich war mir nicht wohl dabei, aber ohne Papiere hätte der Kunde nicht gezahlt. Ist natürlich nichts passiert.

Diebische Freude empfinde ich immer noch bei einer Serie von Zertifikaten, welche alle mit „Conchita Wurst“ unterschrieben sind.

Noch einmal, den Affen Zucker geben kommt selten vor, und ich fühle mich auch heute nicht wohl in der Haut, solchen Forderungen nachgeben zu müssen.

Aber wenn die asiatischen Hamsterradler nicht nachgeben können, weil es eben deren Pflicht ist, nicht nachgeben zu dürfen und den „Approved“ Stempel eben setzen zu müssen, dann würde ich solche Aktionen als „Vertriebliche Argumentationen“ bezeichnen.

Die Chinesen betrachten diese Thematik überaus pragmatischer. Die biegen alles zurecht, wenn es dem Ziel dient. Ihnen ist klar, dass viele Aussagen – ob nun schriftlich oder mündlich – nichts als Lippenbekenntnisse sind, welche erforderlich sind, um im System, welches sie nun mal nicht ändern können, zu überleben. Wir Westler müssen daher unterscheiden lernen, welche Vorschrift oder Anforderung man ernst nehmen muss und welche nicht. Gelernt habe ich das in großen Lektionen von meinem alten Vertreter in China, Lao Quan. Der sagte mir immer wieder, wenn ich mich strengen oder unmöglichen Vertragsbedingungen verwehren wollte, ich solle diese hinnehmen, sie nehme eh keiner ernst. Anfangs noch zittrig (weil im deutschen System aufgewachsen, wo auch gemeint wird was gesagt wird), bin ich im Hinnehmen zunehmend „chinesischer“ geworden. Den Konflikt habe ich dann eher zuhause: „Wie kann sich der Fobo nur auf solche Bedingungen einlassen!“

Und jetzt klopfe ich auf Holz: bis heute ist noch nix passiert.

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