• Wolfgang Fobo

Meine Arbeitsplatzbeschreibung

Was folgt, hatte ich vielleicht 2005 geschrieben. 14 Jahre später sind die Bedingungen nicht mehr ganz so extrem, weil man sich nicht mehr so extrem im Busch fühlt, wenn man die Provinzen bereist. Vom Kern her ist hat sich aber nicht viel verändert.


Meine Arbeitsplatzbeschreibung

Wer so wie ich in Asien und da vor allem in China herumzigeunert und für seine Firma Beute machen will, sollte zur Bewältigung seiner Aufgaben ein paar Charakterzüge aufweisen, welche im ordentlichen Deutschland vielleicht weniger zielführend wären.

Ich will an dieser Stelle einmal ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufführen, welche Eigenschaften hierbei hilfreich sind – die fachliche Qualifikation will ich hier mal als selbstverständlich voraussetzen.

- Keine Angst vor Straßenverkehr. Muss sich vor allem in Vietnam einfach ins Getümmel stürzen können, um die andere Seite noch zu Lebzeiten zu erreichen. - Sprachkenntnisse. Vor allem in China machen Chinesisch-Kenntnisse einen großen Unterschied aus. Nur so kann man während des Festbanketts mit dem Gastgeber warm werden, und der hat eine helle Freude, wenn er den Ausländer auf diese Weise seiner Entourage vorstellen kann. Vertreibt auch die Langeweile, wenn man sich z.B. einmal einer Fußmassage unterzieht und so mit den Mädels eine angeregte Unterhaltung führen kann.

Und nur mit Chinesisch-Kenntnissen hat man in China was zu Lachen. Nur so. Und ich lache viel in meiner zweiten Heimat. - Humor. Chinesen erzählen sich viele Witze, und sie schätzen es auch, wenn man dazu beitragen kann. - Stahlmagen. Muss alles essen können, ohne grün anzulaufen. - Zutzel- und Spuckkenntnisse: Fisch und Fleisch wird meistens mit Knochen bzw. Gräten serviert. Diese separiert man dann zweckmäßig im Mund und spuckt die Überreste aus, auf seinen Teller oder die Tischdecke. - Gute Leber: einer der eher wichtigeren Verbündeten im Geschäftsleben. Beispielsweise in Shandong läuft nichts ohne kräftigen Alkohol-Zuspruch. - Schlafen auf Kommando. Ist infolge des Zeitunterschiedes von großem Vorteil. Man sollte einfach schlafen können, wenn Gelegenheit dazu ist. - Kontrolle der Verdauung: Man muss „können“ können, wenn man können kann. Mit anderen Worten, man muss seinem Darm befehlen können, „zu sollen“. Zweckmäßigerweise morgens, bevor man sein Hotel verlässt. Denn in der wilden Pampa Chinas gibt es oft kein westliches WC. Mit Türen, und zum Sitzen. Wer seine Verdauung nicht unter Kontrolle hat, muss ersatzweise sein Schamgefühl ablegen können und sich im Extremfalle auf dem Topf zuschauen lassen können. In einer weiteren Steigerung womöglich, wenn man wackelig über dem Loch kauert und nicht weiß, wohin mit der Hose, ohne dass diese die Kackspritzer mit abbekommt.

- Gelassenheit bzw. Unerschrockenheit: Dinge werden immer mal schief laufen. Nur nicht die Nerven verlieren, es geht immer weiter.

- Diplomatisches Geschick: immer daran denken, dass man beim Bankett auch Vertreter Deutschlands ist. Muss über die Leistung der deutschen Fußballnationalmannschaft Auskunft geben, oft einem kundigen Publikum. Muss seine Meinung zu Hitler kundtun können, ohne ins Fettnäpfchen zu treten (und dieser Mensch steht in China in höherem Ansehen als bei uns...). Muss auch mal die kontroverse Position der NATO vertreten, wie geschehen bei der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad 1999. Und, ganz wichtig, muss die „deutschen Tugenden“ vertreten können und auch vorleben. Fleiß, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Qualitätsbewusstsein. Deswegen mögen uns die Chinesen. Das dürfen wir Deutschen nicht riskieren.

Und wie die Diplomaten auch: muss einfach lächeln können. - Interesse am Land. Man sollte nicht nur fachsimpeln können, sondern auch über das Land, in welches man reist, einigermaßen Bescheid wissen. Dazu gehören beispielsweise Grundkenntnisse in der Politik – etwa wie heißt der Regierungschef von Indien. Ich selbst habe noch mit jedem Vertreter da draußen politisiert, das kommt auch beim Bankett mit Kunden vor, und dann gilt es wieder, sich diplomatisch geschickt zu verhalten. - Kopfrechnen: ist im Vertrieb sowieso unerlässlich, aber da draußen, ohne Netz und doppelten Boden, noch weitaus wichtiger. - Körpergröße: lieber zu klein als zu groß. Denn wer als Hüne in einem mittleren Platz in einem Chinesen-Flieger eingezwängt ist, der gehört der Katz. Oberschenkel gerade geht nicht, weil Sitzabstand zu klein. Kopf anlehnen und Schlafen geht auch nicht, weil Rückenlehne zu kurz. Sitzriesen empfehle ich auch einen Flug mit den Philippine Airlines in der Economy Class. Da wird der Begriff „minimalistisch“ neu definiert. - Bescheidenheit: was nicht nur die Chinesen gar nicht mögen, ist großkotzig aufzutreten.

Mein alter Vertreter in China hat einmal gemeint, „es schadet nicht, so tun zu können, als ob man dümmer als der Kunde sei“. - Strategisches Denken. Wir müssen einfach wissen, was wir langfristig wollen. Und geduldig die Ziele verfolgen. - Schwindelfreiheit: gerade in China muss ich gelegentlich auf wackeligen Hühnerleitern hinauf auf eine Brückenbaustelle, oft dazu noch im „Vortragsgewand“. Runter ist noch schlimmer. Aber wenn alle so herumturnen, sieht man dumm aus, wenn man sich weigert, mitzumachen. - Tropenfestigkeit. Bei 35°C und hoher Luftfeuchtigkeit darf man nicht gleich kollabieren. - Muss schweigen können. Nachdem in Asien sehr viel auf persönlicher Ebene geschieht, muss man die einem anvertrauten Geheimnisse auch für sich behalten können. Je weniger andere manche Details wissen, desto besser. - Eine gewisse Resistenz gegenüber Versuchungen, welche in Asien auch mal finanzieller Natur sein können, ist für die entsendende Firma sehr hilfreich. Man muss also mit seinem Arbeitgeber ein gewisses Grundvertrauen aufbauen können, und vor allem der Arbeitgeber muss dies auch so als gegeben spüren können. - Nationalität: Deutsch. Wir sind eine deutsche Firma, und wenn wir in China aktiv sein wollen, schätzen es die Chinesen weitaus mehr, wenn ihnen ein „echter Deutscher“ die Ehre erweist. Das ist Authentizität, wir stehen für unser Produkt. Und wir müssen die „deutschen Interessen“ vertreten, was das auch immer heißen mag.

Es ist natürlich auch eine Überlegung wert, einen naturalisierten Chinesen einzusetzen, der sich in China wie ein Fisch im Wasser bewegen kann. Allerdings werden wir dann als weniger „deutsch“ empfunden, ferner wage ich zu behaupten, es könnten gelegentlich Loyalitätskonflikte entstehen („Verrat deutscher Interessen zum Wohle Chinas. Es ist nämlich schon vorgekommen, dass die chinesische Regierung solche „Deutschen“ unter Druck setzt und sie für ihre Zwecke einsetzen will.)

Schließlich gibt es nicht wenige Chinesen, die solch naturalisierten Deutschen als Verräter betrachten. Diese werden "Banane"geheißen. Außen gelb und innen weiß.

Ich bin weißgott kein Nationalist, aber wir haben es mit Nationalisten zu tun, und da muss sich eine Firma entsprechend darauf vorbereiten und sich so unverwundbar wie möglich machen.

Alles notwendige Eigenschaften vielleicht, aber wahrscheinlich immer noch nicht für einen dauernden Erfolg hinreichend. Denn ohne Freunde und dem Aufbau eines vertrauensvollen Netzwerkes geht es in China, wo Beziehungen so wichtig sind, nicht. Denn wir befinden uns im Krieg, auch wenn es auch nur ein wirtschaftlicher ist. Da braucht man Verbündete.

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