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  • Wolfgang Fobo

Nordkorea Mai 2009

Nordkorea, im Mai 2009

Die Reise hatte ich bis zum Schluss geheim gehalten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, tatsächlich ein Visum zu erhalten. Eines Tages erhielt ich einen Anruf von der nordkoreanischen Botschaft in Berlin, welche meine Angaben verifizieren wollte. Und als ich dann einen Tag vor der Abreise in Peking mein Visum in den Händen hielt, begriff ich erst, es ist wahr, ich darf meine Reisen in Mutter der „Axis of Evil“ fortsetzen.


So sieht ein nordkoreanisches Visum aus – kein Stempel, sondern eine Einlage in den Pass.


Der Flieger – eine Iljuschin 62 der nordkoreanischen Air Koryo - ist voll, die Stewardessen tragen weiße Handschuhe. Viele Ausländer, darunter eine Gruppe japanischer Koreaner. Wir von Koryo Tours sind 19 Reisende, unterteilt in 4 Gruppen, eine Gruppe davon ich alleine.

Aller Nordkoreaner tragen den Kim-Il-Sung-Anstecker.

Ich freue mich wie ein Kind und bin aufgeregt, was mich erwartet. Mitgenommen habe ich Hirschhausens Bestseller „Glück kommt selten allein“ – soll abends zur Abrundung des Erlebten dienen, und als Begleitprogramm der Reise in ein Land, in welchem nach offizieller Lesart lauter glückliche Menschen leben. Glück bedingt demnach die Abwesenheit von Handys und von Internet, generell von freier Information, und auch die Zeitschriften, welche mir im Flieger überreicht wurden, lassen erahnen, dass ich auf dem Weg ins Paradies bin. 4 Tage Glücksdroge, ob ich das aushalte?

Die IL-62 hatte die Sitze nicht durchnummeriert, also musste ich durchzählen, um zum richtigen Platz zu gelangen. Offenbar hatte ich mich nicht verzählt, niemand sonst forderte meinen Platz.

In Pyongyang angekommen, bestenfalls ein Provinzflughafen, vielleicht 2 internationale Flüge täglich (der andere ging nach Wladiwostok). Unkomplizierte Kontrolle, warten am Gepäckband. Neben mir eine Gruppe Pakistanis, welche bei mir sofort Phantasie weckte, was wohl deren Beweggründe waren. Die Phantasie konnte ich mir dann gleich drauf ersparen, als in deren Unterhaltung in Urdu der Begriff „National Defense“ eingemischt wurde. Der eine Typ sah auch so aus wie der berühmt-berüchtigte pakistanische Atombombenbauer Khan, welcher vor kurzem aus dem Hausarrest entlassen wurde.

Nachdem ich noch mein Handy gegen Quittung abgegeben hatte, war ich schließlich mit der Prozedur durch, und es warteten auf mich meine beiden Führer Frau Kim und Herr Li, sowie der Fahrer Herr Rhim. Beide Führer deutsch sprechend. Wohl zu zweit, damit sie sich auch gegenseitig überwachen konnten.

Fahrt im russischen Geländewagen ins Hotel, das Yongakdo Hotel, das ist das beste Ausländer Hotel in Pyongyang, auf einer Insel gelegen, da können wir Ausländer uns nicht selbständig machen. Abendessen noch, dann aufs Zimmer, und erste Seiten studiert in meinem Glücksbuch.

1.Mai 2009

Natürlich, überall prangen Propaganda-Poster und Inschriften, Kim Il Sung – Photos wo man hinschaut. Wie erwartet darf ich bei weitem nicht alles fotografieren, und es sind gerade diejenigen Szenen, welche am Interessantesten sind, die mit einem Fotografieverbot belegt sind. Wie z.B. die elendslangen Schlangen an den Bus- und Straßenbahnhaltestellen, überfüllte öffentliche Verkehrsmittel, oder die vielen LKWs, welche vor allem den Transport aus der Provinz übernehmen.

Viele eigentlich unerwartete Szenen, insbesondere der Besuch im Park, wo wir Touristengruppen alle durchgeschleust wurden, regen zum Nachdenken an. Ich habe da die wahrscheinlich größte Dichte an glücklichen Menschen gesehen, die ich jemals erlebt habe. Überall wurde getanzt, gesungen, Musik gemacht, die Leute machten Picknick. Lachende Gesichter, glückliche Gesichter. Und als ich der Aufforderung einer alten Frau folgte, mitzutanzen, war die ganze Truppe begeistert. Alle wollten mal mir gegenüber tanzen. Und die Männer haben mich auch noch angefasst, wenn auch vorsichtig. Und ehrliche Freude guckte aus ihren Gesichtern. Wo man nur hinschaute, das reinste Hosiannah. Hatte ich am Abend zuvor noch meine Ansichtskarten geschrieben und was von 3 Tagen Glückseligkeit geschwafelt, welche ich nunmehr erleben dürfe, musste ich tags drauf zu meinem Erstaunen feststellen, dass Tag 1 tatsächlich meine beabsichtigte Ironie entwaffnete. Aber wie!




Hier ist des Volkes wahrer Himmel, und ich darf mittanzen



Blumen für Kim Il Sung, für 5 Euro – Pflichtprogramm




Die Lichtgestalt


Da muß ich noch drüber grübeln: muß man gehirngewaschen sein, um so glücklich sein zu können und gleichzeitig so arm? Andererseits – bei uns ist das nicht viel anders. Wer arm ist, wird eher religiös, das macht wohl das Leben erträglicher.

Propaganda-Monumente habe ich genügend gesehen, wie eben die Statue des Großen Führers, oder vom Ju Che Turm.

Wir fahren im Geländewagen durch Pyongyang, draußen Kim Il Sung und seine Propaganda, und ich grüble über die heile Welt. Und was passiert? Dieses seltsame Gefühl lässt sich doch tatsächlich noch toppen, als der Fahrer eine CD einlegt. Die Kastelruther Spatzen singen jetzt dazu, neue deutsche Volksmusik über die Schwester Irene oder ähnlichen Käse, welche ich eigentlich in Nullkommanix wegzappen würde. Aber von wegen hier. Die Führerin summt mit, und es dudelt, und es sülzt, und ich übe mich in Contenance. Da prallen 2 heile Welten aufeinander, so fern und vielleicht doch so nah?

Mit der Führerin dann wieder mein Hobbystudium betrieben, welchen Laut denn die Tiere in Korea von sich geben. Ich lerne, dass der Hund wal-wal bellt, die Ente bak-bak quakt, und der Frosch kaegul-kaegul. Mein Interesse hat Frau Kim köstlich amüsiert, dass ich das alles wissen wollte, und ich wurde die gesamten 3 Tage immer wieder abgefragt, damit ich das Gelernte nur ja nicht vergesse.

Die Polizistinnen in Pyongyang sind eine Schau. Da haben sie wohl die Hübschesten dafür ausgesucht, schmuck stehen sie da, bewegen sich wie Roboter, mit „zack-zack“ lässt sich deren Verkehrslenkungen wohl am ehesten umschreiben.



Eine Augenweide – Polizistinnen in Pyongyang




Vater und Sohn lenken das Volk


Kumsu San – Das Mausoleum von Kim Il Sung

Wir Westler passen wirklich nicht in diese unwirkliche Szene. Bunt gewürfelt, einige von uns Männern noch nicht einmal mit Krawatte, obwohl wärmstens nahegelegt, strawanzen wir im ungeordneten Haufen durch die heiligen Hallen - und das ist wirklich das Allerheiligste, was es in Korea zu sehen gibt. Selbst ich komme mir in meinen Laufschuhen etwas deplaziert vor. Im krassen Gegensatz dazu die Koreaner im besten Sonntagsgewand. Alle Männer im dunklen Anzug, Kim-Il-Sung Anstecker sowieso. Die Einheitskluft passt um so mehr, als dass alle Koreaner eben schwarze Haare haben, was die Uniformierung noch uniformer macht. Die Frauen meistens im Hanbok, dem bunten koreanischen Kleid, manche auch im Studentenkleid. Aber keine einzige mit Hose. Ernste Gesichter, voll diszipliniert. Lange Wege, Sicherheitsmaßnahmen strenger als im Flughafen. Kameras mussten wir abgeben, überhaupt nichts aus Metall durfte mit rein. Rollbänder und Rolltreppen sollen es auch Gehbehinderten ermöglichen, dem Großen Führer seine Ehre zu erweisen. Die rollen aber so langsam vor sich hin, dass man für eine Halle so um die 10 Minuten braucht, bis man durch ist. Im Hinrollen kann man dann die Gesichter der zurückrollenden Koreaner studieren, dabei philosophieren, was denen wohl im Kopf herumgeht, so einen bunten Haufen Westler zu sehen. Eigentlich entweihen wir mit unserem Outfit sowie unserer Haltung die feierliche Atmosphäre, welche hier vorherrscht.

Dann, im Näherkommen ins Allerheiligste, feierliche getragene Musik. Eine Statue von Kim Il Sung, überhöht, wir treten in Reihen nach vorne und verneigen uns vor dem großen Führer. Und dann sind wir angekommen. Da liegt er, der Große Führer, in einer abgedunkelten Halle, Rotlicht, in einem gläsernen Sarg. Der ehemals wichtigste Mann der Welt, der mit seinem Tod aber auch jeden einzelnen Nordkoreaner über 10 Tage lang in helle Verzweiflung stürzte.

Wir verneigen uns wieder, von vorne, von jeder Seite, aber nicht von hinten. Und dann sind wir wieder draußen, gelangen in den Ordenssaal. Dort sind alle Orden und Auszeichnungen aufbewahrt, welche Genosse Kim jemals erhielt. Inklusive dem Karl-Marx-Orden der DDR und einer Auszeichnung aus dem Vatikan. Weiter gings, vorbei am Eisenbahnwaggon, welchen der Große Führer benutzte, vorbei an einer großen Weltkarte, auf welcher vermerkt war, welche Besuche Genosse Kim in seiner Lebenszeit machte, aufgeteilt in Eisenbahn und Flugzeug. Den gesamten asiatischen Kontinent hat er per Zug bereist, der westlichste Punkt war wohl die DDR gewesen, 1984. Zu guter letzt dann wurde noch sein Dienstwagen ausgestellt, ein Mercedes 600 SEL. Das lobe ich mir, von der DDR den Karl-Marx-Orden, und von uns das Auto, so muss es sein.

Im langen Weg zurück, wiederum die Gesichter der „einrollenden“ Koreaner studiert, ernste Gesichter, niemand spricht. Wir Ausländer unterhalten uns, was soll’s.

Draußen dann endlich habe ich meine Kamera wiedererlangt, und durfte endlich fotografieren. Koreaner mit Erinnerungsphoto vor dem Kumsusan-Palast. Wir Ausländer setzen uns locker aufs Geländer, das würde wohl kein Koreaner wagen.



Auf dem Weg zum Erinnerungsphoto




Das Mausoleum von Kim Il Sung

Etwas weiter weg eine Art Vereidigung der Studentenerstsemester, welche in Reih und Glied angetreten sind. Ein Lautsprecher ertönt, eine getragene Rede wird gehalten.

George Orwell hätte die Szene wohl nicht besser beschreiben können. Ja, dieses Land von „1984“ gibt es, man kann es erleben, es ist ein teuer bezahlter kalter Schauer, welchen ich mir leiste, und ich rätsle, warum die Koreaner so glücklich sind, wie ich es 2 Tage zuvor im Park erleben durfte. Echte ehrliche Freude, tausendfach.

Der Anschluß-Ausflug zum Heldengedenkfriedhof passt voll mit ins Bild, ca. 150 Bronzestatuen, von im Widerstand gegen die Japaner gefallenen Helden.

Im Hotel

Die Mahlzeiten im Hotel nehme ich immer am gleichen Platz ein, und wenn ich komme, ist bereits eingedeckt. Im Restaurant ist auch ein Fernseher aufgebaut, natürlich läuft dort koreanische Propaganda, Heldenlieder, oder Kriegsfilme. Die Preise im Hotel sind recht zivil, eine Flasche koreanisches Bier kostet gerade mal 40 Cents. Und wenn ich meine 3 Begleiter zu einem Kaffee einlade, kostet auch das in Summe keine 3 Euro. Aber selbst das ist hier bereits ein Vermögen. Herr Li hat lange gezögert, als ich ihn fragte, was denn ein Durchschnittskoreaner denn so verdient. 20.000 Won, hat er schließlich gemeint. Zum offiziellen Wechselkurs wären das 125 €, aber da gibt es einen Schwarzmarkt, aber den Kurs konnte oder wollte mir Herr Li nicht nennen. Wäre aber eh sinnlos, hier zu tauschen, denn wir Ausländer müssen grundsätzlich in € bezahlen. Und eben nur da, wo wir eben einkaufen dürfen, und da sind die Preise in Won und € ausgeschildert. In normale Läden hat man mich eh nicht gelassen, die sind für uns tabu, wir dürfen nur in die Devisenländen, und das auch nur überwacht.

Das Essen ist immer reichlich, eher zuviel. Uns soll es an nichts mangeln. Die Kimchi hier schmecken genauso wie im Süden. Aber die südkoreanische Küche macht doch wesentlich mehr her. Die Restaurants sind von außen nicht als solche erkennbar. Das Wassereis im Park, welches ich spendiert bekomme, ist gewöhnungsbedürftig, Marke „Eskimo“. Aber kalt und süß.

Nach Kaesong

Autobahn heißt sie, sie hat ja auch 4 Spuren, und einen bepflanzten Mittelstreifen. Beim Begriff „Bahn“ muß man schon relativieren, es ist eher eine Schaukelstrecke, nicht wenige Schlaglöcher im Asphalt, welche Pyongyang mit dem 168 km entfernten Kaesong verbindet. Und auffällig auch, wir fahren fast alleine. Kaum ein anderes Fahrzeug auf der Autobahn, selten mal kommt uns eines entgegen. Wirtschaftlich macht die Autobahn wohl keinen Sinn, sicherlich aber militärisch. So hatte unser großer Führer auch einmal angefangen, gleiches Motiv.

Gelegentlich sieht man turmhohe Stelen an beiden Seiten, mit Ruhmeslosungen beschriftet. Ich spekuliere, dass dies getarnte Panzersperren sind, die man im Falle des Falles einfach sprengt, und dann liegen sie quer über die Straße.

Meine Begleitung kann ich nicht sinnvoll zur Wirtschaftlichkeit einer solchen Strecke befragen, es sei denn, ich will hören, was die offizielle Propaganda sagt. Demnach fährt an diesem Tag deswegen wenig Verkehr, weil es eben Sonntag sei. War aber montags auf der Rückfahrt auch nicht anders. Am Straßenrand sind gelegentlich Anhalter zu sehen, ich frage mich, wer die mitnimmt. Sieht man dann mal einen Bus, ist er hoffnungslos überfüllt.

Bauern arbeiten in den Feldern (darf ich nicht fotografieren), alles harte Handarbeit. Kühe ziehen den Pflug. Kinder und alte Leute pflücken Gras oder Kräuter und stopfen die Ernte in einen Sack. Kann also kein Jäten von Unkraut sein, ich vermute, das sind Nahrungsersatzmittel.

Auf halbem Weg eine Raststätte, als Brückenrestaurant erbaut. Da geht aber keiner rein, es sind Stände draußen aufgebaut, mit Sonnenschirm und Sitzgelegenheit. Dort gibt es Verpflegung zu kaufen, gegen Hartwährung, und ich spendiere meiner Begleitmannschaft eine Runde Kaffee. Hier halten die wenigen Touristen auf dem Weg von und nach Kaesong. Es sind eigentlich immer dieselben Ausländer, welche ich die 4 Tage lang sehe. Als absolvieren wir alle das gleiche Programm, hintereinander weg, durchgeschleust.



Einsamkeit auf der Autobahn




Das Tor zur Autobahn nach Kaesong – den Wunsch nach Wiedervereinigung stilisierend

Die Dörfer, welche in der Nähe zu sehen sind, sehen nicht einmal so schlecht aus, wenn es sich um alte koreanische Bauernhäuser handelt. Nur die „Neubauten“ sind in schlechtem Zustand, schäbig anzusehen, da gibt es aber auch gar nix zum Angeben.

Wie weit ist Nordkorea hinter der Welt hinterher? Hinter Südkorea reichen 50 Jahre sicherlich nicht, und ob sie hier mit welchem System auch immer die Südkoreaner jemals einholen können, kann ich mir nicht vorstellen. Soviel Solidarität kann man von den Südkoreanern unmöglich einfordern, und diese bedeutet wohl, dass es eine Einheit wie bei uns so schnell wohl nie geben wird, das wird wenn überhaupt Generationen dauern.

Wenn ich Südkoreaner wäre, wollte ich keine Wiedervereinigung. Das würde mich ruinieren, solche Opfer wären unzumutbar, da bin ich mir fast sicher. Aber die Nordkoreaner träumen davon. Anders als in der DDR wird hier von einem einigen und souveränen Korea geträumt, und dieses Ziel wird konsequent verfolgt. Mit solchen Gedanken schaukle ich Kaesong entgegen, und das ist ein kleines hübsches Städtchen in der Nähe der demilitarisierten Zone, und die will ich mir einmal von Norden ansehen. In der Tat werden wir in einem urigen alten Gasthaus einquartiert, schlafen auf dem Boden, auf Reisstrohmatten. Abends dann habe ich fast alleine ein Kännchen Soju geleert, Reisschnaps. Herr Li verträgt nichts, Frau Kim trinkt praktisch nichts. In der Soju-Seligkeit bin ich dann fast noch politisch geworden, aber dass dies nichts bringt, habe ich schnell gemerkt, was soll die arme Frau Kim auch anderes aufsagen als das, was sie auswendig gelernt hat.



Altstadt von Kaesong




Vor dem Tor des Gasthauses die übliche Propaganda



Ich habe die gesamte Zeit vermieden, irgendwelche Fragen zu stellen, welche als Kritik interpretiert werden könnten. Woher sollen meine Führer denn differenzieren lernen? Hier gibt es nur die offizielle Meinung, und die habe ich immer wieder angezapft, die „Wahrheiten“ aber dann so stehen lassen. Wenn die Koreaner ihre Wäsche im Fluss waschen, dann liegt das natürlich nicht daran, dass sie keine fließendes Wasser haben, nein, weil das Wasser so sauber ist...Selbst wenn ich in einer Diskussion meine Meinung offen vertreten würde und meine Begleitung zum Nachdenken bringen könnte, was wäre das Ergebnis? Sie wären verunsichert oder gar unzufrieden, und könnte doch nichts ändern. Dann doch lieber unwissend und glücklich, als wissend und unglücklich.

Ist also mit diesem Land Hopfen und Malz verloren? Vielleicht ja, vielleicht kann man von der Außenwelt her betrachtet mit unserer Unterstützung dieses Land insgesamt soweit stabil halten, dass wir es uns gewissermaßen als Museum leisten, in welchem lauter gehirngewaschene glückliche Menschen ihren Großen Führer verehren. Aufpassen muss man nur, dass dieses Land bzw. dessen Regierung dem Rest der Welt nicht zu gefährlich wird.


Pammunjom, 4.Mai

Mein Höhepunkt der Reise, darf ich doch denselben unwirklichen Flecken Erde besuchen wie im Jahr zuvor, nur diesmal vom Norden her kommend. Nordkoreanische Offiziere begleiten mich und 4 Spanierinnen und passen auf, dass wir keine falschen Bewegungen machen. Wir erhalten zunächst eine Einweisung in die Situation, dargestellt aus hiesiger Sicht. Dann besuchen wir die Baracke, in welcher 1953 das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wurde. Laut Frau Kim damals eine große Niederlage für die Koreaner. Weiter dann bis an die Grenze.




Pammunjom. Die hinteren beiden Soldaten direkt an der Demarkationslinie




Die Verhandlungsbaracke mit offener Tür, welche wir besichtigen dürfen. Die Soldaten passen auf, dass wir keine Dummheiten machen

Dort stehen sie wieder, die 7 Baracken, durch welche die Demarkationslinie verläuft. Wir dürfen reichlich fotografieren. Genau diejenige Baracke, welche ich letztes Jahr von Süden her besuchen durfte, ist nun von Norden her geöffnet. Drin bewachen 2 Soldaten mit grimmigem Blick die Tür nach Süden – letztes Jahr war es genau anders rum. Erfahren im Nahkampf, sagte damals der amerikanische Begleitoffizier, „no nonsense Typen“, und wir sollten nur nicht versuchen, ihnen zu nahe zu kommen.



Die Tür nach Süden bewachend...



Die Demarkationslinie verläuft quer durch den Tisch




Zu unwirklich, das Ganze. Und ein sehr freundlicher und zuvorkommender nordkoreanischer Offizier.



Ein großer Schritt zur Seite, und die stehen im Süden...




Gegenüber links der südkoreanische Aussichtspunkt, daneben die große Halle gebaut als Familientreffpunkt von Nord und Süd, bislang eine Fehlinvestition




Blau die vom Süden verwalteten Baracken, silber die vom Norden verwalteten

Koreanerinnen

Das muss man ihnen schon lassen, adrett sehen sie aus. Meistens im Kostüm, figurbetont, schöne Schuhe, sauber geschminkt, ganz konservativ Frau. Muss ich aber einschränkend bemerken, sobald sie die Mittel dazu haben. Die Touristinnen im Vergleich dazu alle auf „praktisch“, das passt irgendwie nicht zusammen. Meine Begleitung stöckelt überall hin, die Touristinnen tappen dazu im Vergleich herum, praktisch – ich bin ja auch in Laufschuhen unterwegs und frage mich manchmal, ob ich da nicht auch mal doch zu fortschrittlich war, vor allem beim Besuch des Kim-Il-Sung Mausoleums. Nein, einen Schönheitspreis gewinnen wir Ausländer nicht. Wir können, wollen aber nicht. Die wollen, können aber nicht (immer alle)

First Class Lounge in Pyongyang

Weil Air China, konnte ich die First Class Lounge genießen. Weiche Sessel, Propagandaliteratur. Im Fernsehen die übliche Lobhudelei. Getragene Lieder, wie es sich für ein Paradies gehört. Gegen die koreanische Presse ist die „China Daily“ dann doch wieder ein Ausbund an Information.

Infrastruktur

Die Brücken hier sind gefühlsmäßig nahe am Sicherheitsfaktor 1. Der Beton oft in sehr schlechtem Zustand, alte verrostete Fingerfugen, alte verrostete Rollenlager. Wenn überhaupt. Manchmal sieht man statt einer Dehnfuge eben einen Riß im Beton. Hier bröselt das Zeugs still und leise vor sich hin, bis es wahrscheinlich zusammenfällt. Was soll man nur mit so einem Land anfangen? Ob Südkoreaner, Amerikaner oder Chinese. Ich wollte das Land nicht geschenkt haben. Also dann doch besser dazu beitragen, das Land stabil zu halten. Frau Kim hat mich verständnislos angeschaut, als ich ihr eine hypothetische Frage stellte. Gesetzt den Fall, dass der Süden nicht mehr an einer Vereinigung interessiert wäre, was würde der Norden denn dann machen? Diese Frage stellt sich in ganz Nordkorea wohl niemand, Korea sei doch ein so homogenes Land, das gleiche Blut, und auch der Süden sehne sich doch nach Wiedervereinigung...Ist schon gut , Frau Kim, war nicht so gemeint...

Die Japaner

Weitaus schlimmer als die Amerikaner werden die Japaner empfunden. Hier wird die Vergangenheit wach gehalten, wie die Japaner das Land ausgebeutet hatten und die Einheimischen als Untermenschen behandelt hatten, nicht einmal deren eigene Sprache durften sie sprechen. Die Japaner kommen wohl gleich nach dem Teufel. Die Amerikaner haben wenigstens die Japaner besiegt und aus dem Land geworfen, wenn sie auch sonst nichts Gutes über sie zu sagen haben, aber das erkennen sie immerhin an. So leben die hier in der Vergangenheit und üben sich im Militarismus. Wenn auch Frau Kim immer wieder gesagt hat, dass der Frieden so wichtig sei. Wenigstens da können wir uns unzensiert einig sein.

Wiederkommen soll ich, hat Frau Kim zum Abschied gemeint. Es gäbe noch mehr zum Anschauen. Aber zunächst einmal habe ich eine genügend hohe Dosis „Großer Bruder“ erhalten, jetzt will ich erst einmal zusehen, welche anderen „Schurkenstaaten“ ich mir noch ansehen könnte. Bei Gadhafi war ich beispielsweise noch nicht. Gegen Nordkorea ist wohl alles andere ein lahmer Verein.

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©2019 by Wolfgang Fobo

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